Sprizz in Venice


Text und Fotos: Anna Fricke

Mir fällt ein: Nur gut 1000 Kilometer südlich von Köln, findet DIE Kunstausstellung überhaupt statt, die 53. Kunstbiennale in Venedig. Also, nichts wie hin. Wie beschwerlich schlappe eintausend Meter mit dem Flugzeug sein können, macht mir Ryan-Air jedoch klar. Denn dazu kommen noch 250 Kilometer mit dem Reisebus. Was, wer einmal dort ist, spätestens beim ersten Sprizz natürlich wieder vergisst, oder?

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Zur Kunst: Wirklich Spaß macht die Koproduktion der nordischen Länder (Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland). Michael Elmgreen und Ingar Dragset versuchen sich als Regisseure eines Films, dem man vergeblich versucht, auf die Spur zu kommen. Indizien gibt es aber reichlich: Die Bewohner des eleganten Pavillons haben eine Leiche im Swimmingpool. Eine eindeutige Reminiszenz an Billy Wilders „Sunset Boulevard“, doch wirklich weiter hilft das nicht. Ihre Sitzmöbel scheinen unbequem, die Abflussrohre der Waschbecken bilden einen Kreislauf (siehe Abbildungen) und in der Schlafecke läuft ein Schwulen-Porno.

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Nebenan im dänischen Pavillon geht es bürgerlicher, doch nicht unbedingt behaglicher zu. Durch den monumentalen schwarzen Esstisch geht ein Riss, die Treppe zur Mansarde liegt in Schutt und Asche, beim Verlassen des Hauses senkt sich eine Axt neben mir. Wer wohnt denn hier? Und was ist passiert?
„Making Worlds“ lautet das Motto der Biennale, ausgerufen vom diesjährigen Biennale-Chef Daniel Birnbaum. Elmgreen & Dragset setzen dies direkt um und kreieren eine Welt, die Rätsel aufgibt und nachhaltig verstört.

Jede Venedig-Biennale bietet ja verschiedene Welten, in jedem Länderpavillon gibt es neue zu entdecken. Da dieses Ausstellungsprinzip überholt scheint und sich zunehmend auflöst, hat man den Eindruck, manche Länder nutzen ihren Pavillon zur Unterstützung der heimischen Touristikbranche. Dies gilt jedenfalls für den venezianischen Pavillon, hier wird wie in der ganzen Stadt Murano-Glas gezeigt – als ob Venedig nicht schon genug Touristen hätte.
Russland bereitet aber dank Pavel Pepperstein große Freude. Auch er entwirft neue Welten und zwar der Zukunft, mein Favorit: „Manifesto del Retrofuturismo“, auf dieser Zeichnung stehen die Fabelwesen am Abgrund und man fragt sich, ob die Katze dort wirklich lesen kann und wo wir Menschen hin sind. Jahreszahlen im Bild zeigen, wie Pepperstein sich welche Zeit vorstellt, im Jahr 4112 leben wir demnach in Spiral-Städten (vergleiche Abbildung).

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Schwieriger ist es, die Welten derjenigen Pavillons zu genießen, die sich nicht auf dem überschaubaren Gelände der Giardini befinden, sondern über die ganze Stadt verteilt sind. Venedig ist labyrinthisch und Ziele jenseits von Rialto-Brücke und Markusplatz liegen irgendwie immer versteckt. Umso schöner, wenn man alle drei US-amerikanischen Pavillons gefunden hat, denn zusammen zeigen sie eine wunderbare Bruce Naumann-Retrospektive. Dafür gab es einen Goldenen Löwen.
Was die Deutschen auf der Biennale anbelangt, so haben sie auch eine Löwen bekommen, na ja zumindest Tobias Rehberger für seine psychedelische Gestaltung der Cafeteria. Besser gefiel mir Hans-Peter Feldmanns Arbeit „Schattenspiel“, die einen ganzen Raum füllt. Geisterhaft und elegant schweben Schatten über die Wand, Figuren und amorphe Objekte. Größer könnte die Differenz zwischen den erhabenen Schatten und den profanen Schattengebern nicht sein. Denn letztere bestehen beispielsweise aus einem Mixer, einem Mini-Eiffelturm, einen Spielzeug-Dinosaurier und einem Schlumpf.

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Erwähnen möchte ich noch den enormen Platz, den Daniel Birnbaum in seiner Ausstellung Wolfgang Tillmanns, meist abstrakten, Fotografien einräumt. Nicht erwähnen braucht man hingegen den deutschen Pavillon, in den Liam Gillick eine Einbauküche und eine Katze gesetzt hat. „Zu intellektuell und schwer zugänglich“ fand Kaspar König diese Arbeit, dem glaube ich und bemühe mich aus Zeitgründen erst gar nicht um Sinn.
Denn Hotels in Venedig sind teuer und, ach ja, der Rückweg wird wohl nicht besser als der Hinweg.
Während ich versuche, möglichst abgelegene Straßen zum Busbahnhof zu gehen, ertappe ich mich selbst, wie ich bemüht bin, möglichst kunstvolle Fotos von venezianischen Wäscheleinen zu machen, Kunst ist eben ansteckend.

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Die Ausstellung läuft noch bis zum 22. November.

19. October 2009 So gesehen | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Auch wenn ich es nicht so mit Kunst habe, so hat uns die Stadt dennoch zu künstlerischen Höchstleistungen bei unserer Panoramatour Venedig animiert.
    Herzliche Grüße Marcel

    Kommentar von Marcel am 31. October 2009 um 22:24 Uhr

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