«fully booked» in der alten Republik

20 Jahre Mauerfall, 40 Jahre DDR – es wird dieser Tage viel über Honeckers Staat und die Teilung und Wiedervereinigung Berlins berichtet. Dabei wird auch ab und zu die Stadt Bonn erwähnt, die damals noch Zentrum der Macht und Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland war und in der viele Hebel umgelegt wurden, um die Vereinigung von Deutschland und Deutschland möglich zu machen. Das ist lange her. Irgendwann in den 90er packte man seine Sachen und ließ Bonn wieder Bonn sein, um im fernen Berlin an einem neuen Europa zu feilen. Berlin war halt schon immer die Hauptstadt.
Seit dieser Zeit ist unsere alte Bundeshauptstadt etwas in Vergessenheit geraten oder um es anders zu sagen: Seit dieser Zeit ist Bonn in der Wahrnehmung der Deutschen wieder zu der kleinen, verschlafenen Studentenstadt geworden, die im Schatten der größeren Städte in Nordrhein-Westfalen ein eher provinzielles Dasein fristet.
Mit dieser Sichtweise tut man dieser Stadt aber unrecht. Denn auch wenn Bonn nicht gerade der Ort ist, um an einem Freitagabend* die Kuh fliegen zu lassen (die gepackten Regionalzüge Richtung Köln sprechen am Wochenende eine deutliche Sprache), so befindet sich kulturelle Programm dieser Stadt seit Jahren auf einem angenehmen – wenn auch angestaubten – hohen Niveau. Als ein Beispiel sei hier nur mal die bunten Museumslandschaft mit ihren wechselnden Ausstellungen genannt. Das macht die Stadt für Touristen attraktiv und diese kommen zahlreich. Der gute Ludwig van und das sehenswerte Stadtbild tun ihr übriges dazu. Bonn rockt! Oder sagen wir lieber: Bonn classic rockt!
Am frühen Samstagabend sitze ich im Regionalzug nach Bonn. Der Ticketautomat im Bahnhof Köln-Süd ist mal wieder kaputt und so werde ich zum Wochenendmitfahrer auf der Monatskarte eines älteren Herren. Leider ist sein Deutsch nicht wirklich perfekt und unsere Unterhaltung beschränkt sich auf das nötigste. So strandet auch meine Erklärung, ich befände mich auf dem Weg nach Bonn, weil ich mir dort im Hotel Beethoven eine Ausstellungseröffnung anschauen will, auf einem „was auch immer“ Lächeln seinerseits. Aber genau da will ich hin. Das Kollektiv Moving Locations hat sich das leerstehende und zum Abriss freigegebene Hotel Beethoven unter den Nagel gerissen und zu einem Ausstellungsraum umgewandelt. Über 50 Künstler waren eingeladen jeweils eine Hotelzimmer nach ihren Ideen zu formen und gestalten.
Das Hotel am Rheinufer ist schon gut gefüllt, als ich gegen 20:00 Uhr dort eintreffe. Ich greife mir einen Raumplan im Foyer, begebe mich in die erste Etage und stehe sofort im Raum von Paul Schwer, der mich schon auf der Webseite zur Veranstaltung begeistert hat. Eine Lanze aus Leuchtstoffröhren wurde durch die Wand zwischen (fast) unverändertem Zimmer und Badezimmer getrieben. Ein schönes Äquivalent für „den Fernseher aus dem Fenster schmeißen“. Ja, ich bin in einem Hotel!
Leider enttäuschen die nächsten Räume etwas. Nicht jeder Künstler hat die einmalige Chance, die diese Ausstellungsfläche bietet, verstanden und man merkt, wie einige, von der Aufgabe einen ganzen Raum zu gestalten, eingeschüchtert waren und deswegen auf Minimalismus gesetzt haben. Das ist schade. Einfach Zeichnungen an der Wand, Videoinstallationen oder kaum wahrnehmbare Veränderungen am Zimmer verpuffen neben dem ehemaligen aber immer noch sehr wahrnehmbaren Hotelbetrieb. Denn der Entdeckertrieb der Besucher ist nicht zu unterschätzen. Wer einmal als Jugendlicher durch leerstehende Gebäude gewandert ist, weiß wovon ich rede. Die Zimmer werfen Fragen auf und man hofft, dass einem jemand interessante Geschichten zu den verlassenen Räumen erzählt. Der große Wandspiegel in Zimmer 105 tut dies auf jeden Fall nicht. Aber Moment…das ist ja gar kein Spiegel. Geschickt hat Karsten Födinger einen großen Teil der Wand zum Nachbarzimmer entfernt und nun stehe ich mir gegenüber. Nur das ich heute Abend einen schwarzen, langen Mantel trage, 30 Jahre älter und – ich staune – eine Frau bin. Ich wechsel durch den Spiegel ins andere Zimmer und mein Spiegelbild guckt sehr erschrocken. Die Illusion des Spiegels funktioniert perfekt.

Ich lasse mich weiter mit dem Publikumsstrom durch das Gebäude treiben und stelle fest, irgendwo in diesem Hotel wirken versteckte Kräfte und haben das Parkett in einem Zimmer die Wand hoch geschoben. Irgendwo anders muss gerade in Mord passiert sein oder ein Gast musste überstürzt das Zimmer verlassen. Der Wasserhahn läuft noch und der Telefonhörer liegt neben dem Apparat. Aber warum klingelt er immer noch?
Im 3. Stock lande ich in einem Zimmer, welches komplett in einem mattem und tiefen Blau gestrichen wurde. Ich fühle mich wie ein Fremdkörper in einer homogenen Welt. Auf den gleichen Effekt setzt Reinhard Doubrawa, der ein Zimmer in Himmelblau gestrichen und die Fenster so manipuliert hat, dass von draußen Tageslicht hinein scheint, obwohl es schon stockdunkel ist. Aber anders als in dem tiefblauen Ungetüm von Rita Rohlfing im Stockwerk darüber, fühle ich mich hier sehr geborgen. Aber nicht zu geborgen, denn nach anderthalb Stunden spuckt mich das Hotel einfach wieder auf die Straße.

Trotzdem bin ich zufrieden, an diesem Abend Gast im Hotel Beethoven gewesen zu sein. Auch wenn sich das Gefühl – welches ich vorhin beschrieben habe – bleibt. Die Künstler, die die Begebenheiten des Hotels nicht genutzt haben, lassen einen mit einem Schulterzucken zurück. Was nicht heißen soll, man findet dort schlechte Arbeiten aber verglichen mit den Werken, die einen direkt beim betreten des Zimmers abholen, rücken diese leider in den Hintergrund. Das ist etwas schade, denn dieser vielversprechende und geschichtsträchtige Ort hätte der Stadt Bonn sicherlich dabei helfen können, des Kanzlers alte Kleider abzustreifen und sich einmal jung und frisch – aber vor allem – mutig zu präsentieren.
Ich treffe einen Bekannten und wir entscheiden uns, gemeinsam noch ein Bier trinken zu gehen. Allerdings verständigen wir uns schnell darauf, mit seinem Auto nach Köln zu fahren, um im dortigen Nachtleben unsere Getränke zu uns zu nehmen. Kurz nachdem wir die Stadtgrenze verlassen haben, bemerkt mein Bekannter, dass wir immer noch mit angezogener Handbremse fahren.
Die Ausstellung «fully booked» im Hotel Beethoven läuft noch bis zum 28. Februar 2010.
* Ich habe hier gerade Ärger mit dem Bonner Partybeauftrageten bekommen. Einmal im Monat lohnt sich sogar der Weg von Köln nach Bonn. Da gibt’s Geschmacksverstärker in den Tee…wie konnte ich das nur vergessen?





Danke, schöner Bericht und schön zu lesen
)
Schade dass es nicht so spannend war, hätte man sicher was cooles draus machen können – oh well
1000 Grüße
Die Handbremsen-Idee ist natürlich super. Es hätte ja auch zu Gerd Schröder gepasst, wenn der nach Einzug ins Kanzleramt verkündet hätte: “Ich habe soeben festgestellt, dass die BRD die letzten 50 Jahre mit angezogener Handbremse gefahren ist. Jetzt fahre ich den Karren mit Vollgas (evtl. gegen die Wand).”
Die Ausstellung werde ich mit aber auch noch “reinziehen”, allein um diesen Spiegeleffekt mal zu erleben.